Abgründig

Vier Schneeschuhwanderer machen sich Anfang April auf den Weg zum Großvenediger. Nach dem sie bis zum Abend nicht zurück auf die Kürsinger Hütte kommen beginnt eine Suchaktion, die aufgrund der schlechten Witterungsbedingungen mit Temperaturen um – 12 Grad, Windspitzen bis 100 km/h sowie bis zu 50 cm Neuschnee im Suchgebiet immer wieder unterbrochen werden muss. Nach vier Tagen werden die Vermissten auf einer Höhe von etwa 3.400 m gefunden. Dort hatten die Schneeschuhwanderer die knapp 60 Stunden bis zu ihrer Rettung in einem Schneebiwak nahezu unversehrt überstanden.
Wahrheit oder Fiktion?

kleine und große Gletscherspalten

kleine und große Gletscherspalten

Ein 70jähriger geht im Stubaital auf eine 3-tägige Bergtour. Er ist alleine unterwegs. Mit seinen Söhnen hat er vereinbart, sich nach Abschluss der Tour zurück zu melden. Beim Überqueren eines Gletschers stürzt er ca. 10 Meter tief in eine Gletscherspalte. Aus eigener Kraft kommt er hier nicht wieder raus. Mit seinem Handy hat er keinen Empfang. Die Temperatur in der Gletscherspalte liegt um 0 Grad. Er nutzt seinen Rucksack als Unterlage. Hüllt sich in die Rettungsfolie. Steckt die Hände unter die Achseln. Atmet in die Jacke. Teilt seinen Proviant, die Schokolade, die Kekse gut ein. Trinkt Gletscherwasser. Spart Energie wo er nur kann. Ruft täglich zwischen 10:00 Uhr und 16:00 Uhr um Hilfe – um diese Zeit ist seiner Einschätzung nach die Chance am Größten von anderen Bergsteigern gehört zu werden. Nach sechs Tagen wird er gerettet. Es wird davon ausgegangen, dass die Rettungsfolie der ausschlaggebende Faktor für sein Überleben war.
Wahrheit oder Fiktion?

durch die Höllentalklamm

Eine Gruppe Jugendlicher macht sich vom Bergcamp in Grainau aus auf den Weg zur Zugspitze. Die Führung übernimmt einer der Älteren. Er kennt die Gegend „wie seine Westentasche“. Durch die Höllentalklamm kommen sie noch gut durch. Das Wetter verschlechtert sich zunehmend. Die Ausrüstung der Jugendlichen ist unzureichend. Die meisten haben keinerlei Erfahrung im Gebirge. Aus dem schlechten Wetter wird ein Unwetter das tagelang anhalten wird. Es schüttet, stürmt. Sie sind nass, frieren. Sie verirren sich im weglosen Gelände. Finden Unterschlupf in einer aufgelassenen zugigen Hütte. Niemand weiß wo sie sind. Sie sind ausgebüxt um was zu erleben und haben niemandem von Ihren Plänen erzählt. Sie sind auf sich alleine gestellt.
Wahrheit oder Fiktion?

Die ersten beiden Geschichten sind wahr. Nachzulesen sind sie in der Zeitschrift für Risikomanagement im Bergsport „bergundsteigen“ in den Ausgaben 3/2010 bzw. 2/2013. Die Story um die jugendlichen Bergsteiger ist eine Erfindung von Arno Strobel. Erfunden zwar, aber gespickt mit den berühmten Funken Wahrheit.

Arno Strobel - Abgründig

Arno Strobel – Abgründig

Immer wieder geraten Menschen in Bergnot und nicht nur auf den hohen, schwierigen Bergen. Oftmals überschätzen diese Menschen ihr Leistungsvermögen, unterschätzen die Anforderungen der gewählten Tour an den Bergsteiger, sind mangelhaft ausgerüstet, erkennen die Wetterzeichen nicht … Die Gründe sind vielfältig. Ein weiterer Aspekt, der im Risikomanagement nicht vergessen werden darf, ist die Gruppendynamik. Die Aussagen hierzu sind eindeutig: „Entscheidungen unter Einfluss einer Gruppensituation/ Gruppendynamik fallen im Vergleich zu Entscheidungen einer Einzelperson sehr oft risikoreicher aus und führen immer wieder zu Unfällen“ (bergundsteigen 1/2011). Hier genannte Faktoren wie Erwartungshaltungen, Imponiergehabe, Konkurrenzverhalten, Rangpositionen und deren Dynamik stellt Arno Strobel neben den davor genannten Faktoren, eingebettet in seinem ersten Jugendthriller „Abgründig“, eindrucksvoll dar. Die Gruppe Jugendlicher verlässt sich auf die „Erfahrungen“ eines Einzelnen, die einzelnen Jugendlichen gehen mit auf Tour bzw. kehren nicht um, obwohl sie bedenken haben, es werden Fehlentscheidungen getroffen … So nimmt das Unheil in Abgründig seinen Lauf. Die im Thriller beschriebenen Verhaltensmuster können übrigens keineswegs nur der Jugend zugeschrieben werden. Alle Altersschichten sind betroffen. Wir alle sind betroffen. Neigen dazu uns auf andere zu verlassen oder wollen uns beweisen, möchten nicht zugeben, dass wir „kein gutes Gefühl“ haben, lassen uns beschwichtigen, unterschätzen die Gefahr, gehen womöglich schlichtweg unvorbereitet und unbedarft auf Tour …

Mein Fazit:
Abgründig ist er, Arno Strobels Jugendthriller – Abwegig jedoch nicht.
Fiktion – aber auch Wahrheit.
Spannend zu lesen – gespickt mit Aspekten über die es sich nachzudenken lohnt.